FT8 Killed Hamradio – Deutsch
FT8 killed Ham Radio – really?
Hat FT8 den Amateurfunk getötet?
Kaum ein Thema polarisiert die Amateurfunkgemeinde so zuverlässig wie FT8.
Seit Joe Taylor, K1JT, und Steve Franke, K9AN, den neuen digitalen Betriebsmodus 2017 vorgestellt haben, taucht regelmäßig dieselbe Behauptung auf:
„FT8 kills Ham Radio!“
FT8 mache Amateurfunk unpersönlich.
FT8 verdränge CW und SSB.
FT8 sei gar kein „richtiger“ Funk mehr.
Und überhaupt: FT8 habe den Amateurfunk kaputtgemacht.
Wirklich?
Ich bin kein FT8-Fanboy. Ich mache FT8, aber ich bevorzuge SSB und RTTY. CW macht bei mir ebenfalls einen erheblichen Teil der QSOs aus.
Genau deshalb möchte ich die Diskussion einmal nicht emotional, sondern mit Daten betrachten.
Und die Daten erzählen eine ziemlich interessante Geschichte.
2017: Der digitale Wendepunkt
FT8 wurde am 29. Juni 2017 von Joe Taylor und Steve Franke angekündigt. Der Name steht für Franke–Taylor design, 8-FSK modulation.
Das Ziel war von Anfang an nicht, SSB oder CW zu ersetzen.
FT8 wurde für Situationen entwickelt, in denen Signale schwach sind, Ausbreitungsbedingungen schwierig sind oder Öffnungen nur kurz bestehen – und trotzdem ein zuverlässiges QSO möglich sein soll.
Die Technik ist bemerkenswert kompakt:
- 8-FSK
- 6,25 Hz Tonabstand
- 50 Hz Bandbreite
- 15-Sekunden-T/R-Sequenzen
- starke LDPC-Fehlerkorrektur
- automatisches Decoding mehrerer Signale
Damit kann FT8 Signale decodieren, die für das menschliche Ohr praktisch nicht mehr wahrnehmbar sind. Die heutige WSJT-X-Dokumentation beschreibt FT8 weiterhin als Weak-Signal-Modus; unter geeigneten Bedingungen sind weltweite HF-Verbindungen sogar mit sehr kleinen Leistungen und einfachen Antennen möglich.
Und dann kam Club Log
Eine der interessantesten Möglichkeiten, die Entwicklung zu betrachten, sind die von Funkamateuren zu Club Log hochgeladenen QSOs.
Schon 2017 zeigte sich der Effekt deutlich:
32 Millionen QSOs wurden 2017 insgesamt zu Club Log hochgeladen.
Davon entfielen 4,8 Millionen auf FT8.
Das entspricht rund 15 % aller erfassten QSOs – obwohl FT8 erst Mitte des Jahres auftauchte.
Das war kein langsames Wachstum.
Das war ein explosionsartiger Start.
Aber hat FT8 dafür CW und SSB verdrängt?
Hier wird es spannend.
Wenn FT8 tatsächlich einfach nur bestehende Funkamateure von CW und SSB weggenommen hätte, müsste man nach 2017 einen deutlichen Einbruch dieser Betriebsarten sehen.
Aber genau das ist in den Club-Log-Daten nicht so eindeutig zu erkennen.
Die Zahl der erfassten QSOs stieg über die Jahre insgesamt weiter. Bereits die Club-Log-Auswertung 2018 zeigte 41,3 Millionen hochgeladene Kontakte, also 12 % mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig stieg die Zahl der Nutzer, die mindestens ein FT8-QSO hochgeladen hatten, von rund 8.000 auf 14.200.
Und genau hier liegt der entscheidende Punkt:
FT8 hat nicht einfach einen bestehenden Kuchen neu verteilt.
Der Kuchen wurde größer!
Der entscheidende Denkfehler bei Prozentzahlen
Nehmen wir ein einfaches Beispiel.
Vor FT8:
5 SSB + 5 CW + 5 Other = 15 QSOs
Damit haben alle drei Bereiche jeweils:
33,3 %
Jetzt kommen zusätzlich:
10 FT8-QSOs
Dann haben wir:
5 SSB + 5 CW + 5 Other + 10 FT8 = 25 QSOs
Die Anteile sehen plötzlich so aus:
- SSB → 20 %
- CW → 20 %
- Other → 20 %
- FT8 → 40 %
Hat FT8 deshalb 13,3 Prozentpunkte von SSB und CW „gestohlen“?
Nein.
Die ursprünglichen fünf QSOs sind immer noch da.
Es sind einfach zehn neue QSOs hinzugekommen.
Das ist der zentrale Punkt, den man bei Prozentdiagrammen leicht übersieht.
FT8 wurde riesig – aber alte Amateurfunk ist nicht verschwunden
Die Club-Log-Auswertungen zeigen seit Jahren eine massive FT8-Nutzung.
Die große Verschiebung fand vor allem zwischen 2017 und 2020 statt. In den Club-Log-Auswertungen stieg FT8 zeitweise auf über 60 % der erfassten Kontakte; FT4 stabilisierte sich später bei einigen Prozent. Gleichzeitig stieg die absolute Zahl der von Club Log erfassten Kontakte insgesamt weiter an.
Das ist ein wichtiger Unterschied:
Ein größerer FT8-Anteil bedeutet nicht automatisch weniger alter Amateurfunk.
Und genau deshalb ist die Frage
„Wie viel Prozent sind FT8?“
eigentlich weniger interessant als:
„Wie viele QSOs finden insgesamt statt – und wie viele Menschen sind dadurch zusätzlich aktiv?“
FT8 hat ein Problem – aber nicht das, was viele denken
Natürlich gibt es berechtigte Kritik.
Ein FT8-QSO ist kein Ersatz für ein 30-minütiges CW- oder SSB-Gespräch.
Das soll es aber auch gar nicht sein.
FT8 ist ein Spezialwerkzeug.
Die Entwickler beschreiben FT8 und die anderen WSJT-X-Modi ausdrücklich als spezielle Betriebsarten für Weak-Signal-Kommunikation. SSB und CW bleiben dagegen universelle Betriebsarten für Gespräche, DX, Contesting, Notfunk und vieles mehr.
Ein FT8-QSO sagt:
„Ich habe dich trotz dieser schlechten Bedingungen zuverlässig erreicht.“
Ein SSB-QSO sagt vielleicht:
„Erzähl mir, wie das Wetter bei dir ist.“
Beides ist Amateurfunk.
Nur eben auf unterschiedliche Weise.
Und dann gibt es noch den kleinen Balkon
Das ist für mich vielleicht der wichtigste Punkt.
Nicht jeder Funkamateur besitzt:
- einen 30-m-Mast,
- eine Richtantenne,
- 1 kW,
- einen großen Garten,
- einen ruhigen Standort.
Viele haben eine kleine Drahtantenne, einen Balkon oder eine eingeschränkte Wohnsituation.
Und genau dort kann FT8 enorm viel verändern.
Ein Signal, das für SSB zu schwach ist, kann über FT8 noch dekodiert werden.
Ein QSO, das mit CW schwierig oder unmöglich wäre, kann plötzlich funktionieren.
Und ein Funkamateur, der mit einer kleinen Antenne kaum etwas hört, bekommt plötzlich eine weltweite Rückmeldung:
Da draußen sind andere Stationen.
Das ist keine Zerstörung des Amateurfunks.
Das ist eine zusätzliche Möglichkeit.
FT8 braucht keine riesige Station
Das Schöne an FT8 ist deshalb nicht nur die Technik.
Es ist die niedrige Einstiegshürde.
Ein moderner Transceiver mit USB-Schnittstelle, Computer und einer kleinen Antenne kann bereits ausreichen.
Man braucht nicht zwingend eine Conteststation.
Man braucht nicht zwingend 100 Watt.
Und man braucht nicht zwingend perfekte Ausbreitungsbedingungen.
Das macht FT8 gerade für Stationen mit begrenzten Möglichkeiten interessant.
Die aktuelle WSJT-X-Dokumentation nennt ausdrücklich weltweite HF-Verbindungen mit wenigen Watt oder sogar Milliwatt unter geeigneten Bedingungen.
2026: FT8 ist alles andere als tot
Und hier wird die Geschichte besonders interessant.
FT8 ist nicht nach dem Boom von 2017–2020 verschwunden.
Im Gegenteil:
Am 18. Juni 2026 erschien WSJT-X 3.0.2.
Die offizielle Software unterstützt inzwischen elf verschiedene Modi – darunter FT8, FT4, Q65, JT65, MSK144, WSPR und weitere Weak-Signal-Verfahren.
Die aktuelle Version bringt unter anderem eine parallele FT8-Decodierung mit bis zu zwölf Threads sowie neue Filtermöglichkeiten.
Das bedeutet:
FT8 ist 2026 kein historisches Experiment mehr.
Es ist Bestandteil eines weiterhin aktiv entwickelten digitalen Ökosystems.
Ein Blick auf die Funkaktivität 2026
Auch moderne Echtzeit-Netzwerke zeigen, wie groß die digitale Aktivität inzwischen ist.
PSK Reporter erfasst weltweit Empfangsmeldungen verschiedener Betriebsarten. In einem aktuellen Snapshot wurden innerhalb von nur zwei Stunden mehr als 1,4 Millionen FT8-Meldungen registriert – gegenüber nur wenigen Tausend CW-Meldungen im gleichen Zeitraum.
Wichtig:
Das sind keine QSOs.
Es sind Empfangs-/Spot-Meldungen.
Aber sie zeigen eindrucksvoll, wie groß die weltweite FT8-Infrastruktur inzwischen geworden ist.
Und genau deshalb sollte man 2026 nicht mehr über FT8 sprechen, als wäre es lediglich ein kurzfristiger Hype aus dem Jahr 2017.
Aber Vorsicht mit den Zahlen!
Hier muss man fair bleiben.
Club Log ist kein weltweites Amateurfunk-Zentralregister.
Nicht jeder Funkamateur lädt sein Log hoch.
Club Log ist besonders stark im DX- und Logging-Bereich vertreten.
FT8 lässt sich außerdem sehr einfach automatisch loggen, wodurch digitale Betriebsarten in solchen Datenquellen möglicherweise überrepräsentiert sind.
Deshalb wäre die Aussage
„FT8 hat definitiv 40 Millionen zusätzliche Funkamateure erzeugt“
wissenschaftlich nicht haltbar.
Was man dagegen sehr wohl sagen kann:
Die Club-Log-Daten zeigen keinen Kollaps des Amateurfunks nach Einführung von FT8. Sie zeigen vielmehr einen enormen zusätzlichen QSO-Bereich und eine massive Zunahme digitaler Aktivität.
Und das ist schon Aussage genug.
Was hat FT8 also wirklich verändert?
Meiner Meinung nach nicht den Amateurfunk selbst.
Sondern unsere Vorstellung davon, was eine Funkverbindung überhaupt möglich macht.
Früher war die Frage:
„Kann ich die Station hören?“
Heute kann die Frage lauten:
„Kann ich sie decodieren?“
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
FT8 verschiebt die Grenze zwischen:
„nicht hörbar“
und
„nicht erreichbar“.
Und diese Grenze ist eben nicht dieselbe.
Hat FT8 Ham Radio getötet?
Nein.
Aber FT8 hat den Amateurfunk verändert.
Und das ist etwas völlig anderes.
SSB ist nicht verschwunden.
CW ist nicht verschwunden.
RTTY ist nicht verschwunden.
Contestbetrieb ist nicht verschwunden.
DX ist nicht verschwunden.
Und auch persönliche Gespräche werden nicht verschwinden.
Stattdessen gibt es heute eine weitere Möglichkeit, Funk zu machen.
Eine Möglichkeit, die besonders bei schwachen Signalen, kleinen Antennen, schwierigen Bedingungen und kurzen Bandöffnungen beeindruckende Ergebnisse liefert.
Vielleicht ist die bessere Frage eine andere
Nicht:
„Ist FT8 gut oder schlecht für Amateurfunk?“
Sondern:
„Bringt FT8 Menschen auf die Bänder, die sonst nicht dort wären?“
Wenn die Antwort auch nur teilweise Ja lautet, dann hat FT8 bereits etwas Wichtiges erreicht.
Denn Amateurfunk lebt nicht davon, dass alle dasselbe machen.
Er lebt davon, dass Menschen experimentieren.



